Er schuf ein Lächeln auf ihre Lippen
Zum Tod vom von Bert Gerresheim
Am 16. Juli 2025 ist der Bildhauer Bert Gerresheim im Alter von 89 Jahren verstorben. In seiner Heimatstadt Düsseldorf, wo er am 8. Oktober 1935 geboren wurde, in Köln, in Münster, in Kevelaer, Kranenburg, Kleve, Wuppertal oder Ratingen hat er mit seinen Kunstwerken deutliche Spuren hinterlassen. Zahlreiche Kirchen, Plätze, Straßen zeigen, wie er die Welt und die Menschen gesehen hat.
Ein Kunstwerk, das uns besonders am Herzen liegt, wollen wir stellvertretend näher betrachten: Das Spee-Epitaph an der St.-Suitbertus-Basilika in Düsseldorf-Kaiserswerth. Von Anfang an haben wir den Entstehens-Prozess dieses Kunstwerkes begleitet, das eigentlich eine Türe werden sollte.
Viel Beachtung findet das Epitaph für Friedrich Spee am rechten Seitenchor der Basilika, das jedem sofort auffällt, wenn er über die Stiftsgasse auf die Kirche zugeht. Immer wieder bleiben Besucher stehen, um sich die Einzelheiten anzusehen. Denn das Denkmal „erzählt“ eine Menge zum Leben und Werk Friedrich Spees, der hier in Kaiserswerth am 25. Februar 1591 geboren wurde. Deswegen wurde es auch am Vorabend seines 400. Geburtstages im Jahre 1991 vom damaligen Erzbischof von Köln, Joachim Kardinal Meisner, eingeweiht.
Im Zentrum zeigt das Epitaph Friedrich Spee, wie er eine Frau, die der Hexerei angeklagt ist, von Folter und Tod „befreit“. Der Künstler hat sich für das Motiv der „Pieta“ entschieden, um das Anliegen Spees darzustellen: Wie die Mutter Maria ihren Sohn nach dem Kreuzestod in die Arme nimmt, so schützt auch Spee die zu Unrecht verurteilte Frau. Der Vergleich zu Jesus zeigt sich auch in den Verwundungen, die diese Frau am Kopf und an den Händen trägt – ähnlich wie die Wunden Jesu durch die Dornenkrönung und das Annageln am Kreuz. Beim genauen Hinsehen fällt dem Betrachter auf, dass der Mund der Frau lächelt. Eher zurückhaltend und kaum zu sehen, aber es ist da und ist somit ein Zeichen der Freiheit, der Befreiung, die sie durch Friedrich Spee erfahren hat.
In der linken Hand hält Spee eine Schriftrolle mit der Inschrift „Cautio“. Es ist der Hinweis auf sein Buch, in dem er sich ausführlich mit den Hexenprozessen seiner Zeit auseinandersetzt und zu dem Ergebnis kommt, dass Unschuldige durch Gerichtsverfahren verurteilt und hingerichtet wurden. Die Folter ist deshalb abzuschaffen, schreibt er. Mit seinem Buch hat Spee Rechtsgeschichte geschrieben.
Weitere Symbole und Zeichen geben Hinweise auf Leben und Werk Friedrich Spees. So werden auf der rechten Seite die Bücher gezeigt, die er verfasst hat: Die „Trutznachtigall“ mit 52 Gedichten, in denen die Schönheit der Natur zum Ausdruck gebracht bzw. biblische Themen veranschaulicht werden. Ein weiteres Buch ist das „Güldene Tugendbuch“. Glaube, Hoffnung und Liebe sind hier das durchgehende Motiv, um somit zur Gottesverehrung und Nächstenliebe anzuregen. Hier lassen sich konkrete Vorschläge für das tägliche Leben finden.
Der „Jesuitenpsalter“ ist ein Hinweis auf seine vielen Lieder, die er verfasst hat und die zum Teil heute noch gesungen werden. Ein weiterer Hinweis darauf ist auch die Laute, die man zwischen den Büchern erkennt.
Die große Kanzel ist das Zeichen dafür, dass er die „Frohe Botschaft“ als Seelsorger und Priester verkündet hat. Rechts vor der Kanzel erkennt man eine Brunnensäule mit einer Nachtigall als Bekrönung. Es entspricht dem Titelblatt der „Trutznachtigall“.
Auf der linken Seite erkennt der Betrachter Scheiterhaufen mit Hingerichteten. Er sieht Folterwerkzeuge, die den Angeklagten dazu bringen sollen, ein Geständnis abzulegen. Es sind vor allem die Hexenprozesse gemeint. Als Beichtvater hat Spee zahlreiche angeklagte Frauen begleitet. Er kommt zu der Erkenntnis, dass Unschuldige vor Gericht stehen. Die Folter hat sie dazu gebracht, etwas zu gestehen, was sie aber nicht getan haben. Deswegen fordert er, die Folter abzuschaffen.
Die Hexenprozesse sind ein Unrecht, das Spee klar beim Namen nennt. Der Künstler Bert Gerresheim findet mehrere andere Beispiele aus der Geschichte, wo Unrecht im Rechtsverfahren vorliegt z. B. in einer Massenkreuzigung im 17. Jahrhundert in Japan, oder durch die Guillotine, eine Hinrichtungsmaschine, die während der französischen Revolution massenhafte Unrechtsurteile ermöglicht, und schließlich die Brennöfen von Auschwitz – das grenzenlose Unrecht im 20. Jahrhundert.
Das Denkmal hat neben den vielen Bildern auch eine aufwärtsstrebende Linie, angefangen beim Gesicht der Frau, über das von Fredrich Spee, zum Bild des Ortsheiligen Suitbertus und schließlich zu Christus an der Spitze. Christus und Suitbertus bilden den Mittelpunkt von zahlreichen Persönlichkeiten, die jeweils zu beiden Seiten aufgereiht sind. Sie tangieren auch die Orts- und Kirchengeschichte. Der hl. Suitbertus wird direkt begleitet von Johann Weyer, dem Leibarzt der bergischen Herzöge, und Caspar Ulenberg, einem früheren Pastor von Kaiserswerth und späterem Rektor der Universität Köln. An der Seite von Christus stehen Ignatius von Loyola, Gründer des Jesuitenordens, und Petrus Canisius, dem ersten Jesuiten in Deutschland. Die übrigen sind Ärzte, Theologen, Juristen, die über die Jahrhunderte in einem engen Bezug zu Spee und seinem Lebensthema stehen.
Zwischen den beiden Personenreihen erkennt man Orte, in denen Friedrich Spee gelebt hat. Es beginnt mit Kaiserswerth, seinem Geburtsort. Es folgen Köln und Mainz. Ganz rechts erkennt man Trier, den Ort, wo seine Mitgliedschaft im Jesuitenorden begann und wo er 1635 verstorben ist, nachdem er sich bei der Betreuung von Pestkranken infiziert hatte. Sein Grab befindet sich in der ehemaligen Jesuitenkirche und wurde 1980 wiederentdeckt.
Bert Gerresheim hat ein komplexes Kunstwerk geschaffen, um den Seelsorger, Priester, Schriftsteller und Liedersänger darzustellen. Er bleibt somit in Erinnerung. In Erinnerung bleibt aber auch der Künstler, der das alles kenntnisreich und fantasievoll gestaltet hat.
Ich habe Bert Gerresheim einmal auf das Lächeln der Frau angesprochen, die Friedrich Spee in seinen Armen hält. Er freute sich offensichtlich, dass ich das erkannt hatte und meinte: Spee sei ein „Glücksfall für die Menschheit“ und darum sei „das Lächeln der Frau durchaus berechtigt und wichtig“
Hans Müskens
im Namen der Friedrich-Spee-Gesellschaft Düsseldorf
©Friedrich-Spee-Gesellschaft Düsseldorf